#1

Platons Höhlengleichnis

in Der Garten des Geistes 05.04.2011 13:52
von GolemSchattenspieler
| 171 Beiträge

Um sich mit dem Höhlengleichnis zu befassen, muß auch das Liniengleichnis und das Sonnengleichnis zuvor beachtet werden.

Das Liniengleichnis unterscheidet grob 3 Ebenen:
- die Schatten und Spiegelbilder (die Vermutung, der Anschein von Wahrheit)
- die sinnlich wahrnehmbare reale Objekte (der Glaube an die Sineswahrnehmung)
= Meinung

- die intelligible Welt (Erkenntnis - Verstandeserkenntnis und Vernunfterkenntnis)
= Denken

Das mit dem Liniengleichnis aufgezeigte strukturelle Verhältnis von Meinung und Denken wird am Ende des 7. Buches der Politeia Platons zusammenfassend dargestellt:

Zitat
Es genügt also, … , den ersten und obersten Abschnitt des Erkennens die Vernunfterkenntnis zu nennen, den zweiten die Verstandeseinsicht, den dritten der Glaube an die Sinneswahrnehmung, den vierten die Vermutung, der Anschein von Wahrheit, und einerseits die beiden letzten zusammen die Meinung, andererseits die ersten zusammen das Denken, das geistiges Erfassen; dabei bezieht sich Meinung auf das wandelbare Werden, Denken auf das unwandelbare Sein. Und so wie sich Sein zum Werden verhält, so Denken zu Meinung; und wie sich Denken zu Meinung verhält, so verhalten sich Vernunfterkenntnis zu Glauben und Verstandeserkenntnis zu Mutmaßen.


Das Sonnengleichnis
Ohne das Licht kann das sehende Auge nicht sehen und der sichtbare Gegenstand nicht gesehen werden. Wenn man die Augen nicht mehr auf jene Gegenstände richtet, auf deren Oberfläche das helle Tageslicht scheint, sondern auf jene Dinge, worauf nur ein nächtliches Geflimmer fällt, so sind sie „blöde“ und scheinen beinahe blind, als wäre ein rechtes Sehvermögen in ihnen nicht vorhanden. Wenn man die Augen aber darauf richtet, worauf die Sonne scheint, so sehen sie ganz deutlich, und in eben denselben Augen scheint dann wieder ein Sehvermögen sich zu befinden. Dasselbe Verhältnis gilt auch in Bezug auf die Seele: Wenn sie darauf ihren Blick heftet, was das ewig wahre und wesenhafte Sein bescheint, so vernimmt und erkennt sie es gründlich und scheint Vernunft zu haben, richtet sie ihn aber auf das mit Finsternis gemischte Gebiet, auf das Reich des Werdens und Vergehens, so meint sie dann nur, ist blödsichtig, indem sie sich ewig im niederen Kreise der Meinungen auf und ab bewegt, und gleicht nun einem vernunftlosen Geschöpf. So wie das Licht die Möglichkeitsbedingung für das Gesicht ist, so ist entsprechend die Wahrheit die Möglichkeitsbedingung für die Erkenntnis:

Zitat von Egil A. Wyller
"Wahrheit entsteht […] nicht durch die Verknüpfung des Denkens mit dem zu denkenden Gegebenen. Wahrheit ist die vorausgegebene Bedingung dafür, dass diese Verknüpfung überhaupt stattfinden kann. Man denkt in der Wahrheit, wie man im Licht sieht."


Zuletzt muß auch kurz definiert werden was für Platon eine Idee ist:
Die Idee ist das wahrhaft seiende Wesen, das reine, immer seiende unsterbliche und in sich stets ewig dauerhaft Gleiche und Eine.
Die sinnlich wahrnehmbaren Objekte besitzen aufgrund ihrer Vergänglichkeit und Veränderlichkeit nur ein bedingtes und damit fehlerhaftes Sein. Die Idee ist im Ding anwesend. Dabei ist diese Anwesenheit aber keine im Grunde dauernde Gegenwart. Die Idee als das ruhende Sein hebt sich von dem (Da-)Seienden als dem Vergänglichen ab. Nur der Idee kommt wahres Sein zu. In diesem Sinne formulierte Ernst Cassirer:

Zitat
"Wahres Sein hat nur das, was wahrhafte Dauer hat. Wahre Dauer aber besitzt nichts Dingliches, sondern nur das geistige Prinzip..."


Das Höhlengleichnis:
Platon beschreibt einige Menschen, die in einer unterirdischen Höhle von Kindheit an so festgebunden sind, dass sie weder ihre Köpfe noch ihre Körper bewegen und deshalb immer nur auf die ihnen gegenüber liegende Höhlenwand blicken können. Licht haben sie von einem Feuer, das hinter ihnen brennt. Zwischen dem Feuer und ihren Rücken befindet sich eine Mauer. Hinter dieser Mauer werden Bilder und Objekte vorbeigetragen, die die Mauer überragen und Schatten an die Wand werfen. Die „Gefangenen“ können nur diese Schatten der Objekte wahrnehmen. Wenn die Träger der Objekte sprechen, hallt es von der Wand so zurück, als ob die Schatten selber sprächen. Da sich die Welt der Gefangenen ausschließlich um diese Schatten dreht, deuten und benennen sie diese, als handelte es sich bei ihnen um die wahre Welt.
Platon fragt nun, was passieren würde, wenn man einen Gefangenen befreien und ihn dann zwingen würde, sich umzudrehen. Zunächst würden seine Augen wohl schmerzlich vom Feuer geblendet werden, und die Figuren würden zunächst weniger real erscheinen als zuvor die Schatten an der Wand. Der Gefangene würde wieder zurück an seinen angestammten Platz wollen, an dem er deutlicher sehen kann.
Weiter fragt Platon, was geschehen würde, wenn man den Befreiten nun mit Gewalt, die man jetzt wohl anwenden müsste, an das Sonnenlicht brächte. Er würde auch hier zuerst von der Sonne geblendet werden und könnte im ersten Moment nichts erkennen. Während sich seine Augen aber langsam an das Sonnenlicht gewöhnten, würden zuerst dunkle Formen wie Schatten und nach und nach auch hellere Objekte bis hin zur Sonne selbst erkennbar. Der Mensch würde letztlich auch erkennen, dass Schatten durch die Sonne geworfen werden.
Erleuchtet würde er um keinen Preis sein altes Leben in der Höhle wiederaufnehmen wollen und wenn er es doch täte, über seine Erkenntnisse berichten. Da sich seine Augen nun jedoch umgekehrt erst wieder an die Dunkelheit gewöhnen müssten, könnte er anfangs die Schattenbilder nicht erkennen und gemeinsam mit den anderen deuten. Aber nachdem er die Wahrheit erkannt hat, würde er das auch nicht mehr wollen. Seine Mitgefangenen nähmen ihn als Geblendeten wahr und schenkten ihm keinen Glauben: Man würde ihn auslachen und „von ihm sagen, daß er mit verdorbenen Augen von oben zurückgekommen sei“. Damit sie nicht dasselbe Schicksal erleiden, brächten sie von nun an jeden um, der sie „befreien und hinaufbringen“ wollte.


__________________
Tod ist alles, was wir im Wachen sehen, und Schlaf, was im Schlummer.
Der Mensch zündet sich in der Nacht ein Licht an, wann er gestorben ist und doch lebt.
Er berührt den Toten im Schlummer, wann sein Augenlicht erloschen; im Wachen berührt er den Schlummernden.
Alles fließt.
Heraklit - der Dunkle Philosoph
520 - 460 v. Chr.
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#2

RE: Platons Höhlengleichnis

in Der Garten des Geistes 05.04.2011 15:18
von GolemSchattenspieler
| 171 Beiträge

Nach dem Liniengleichnis gibt es im Höhlengleichnis 3 Ebenen:

- Die Schattenbilder an der Wand
- Die Objekte, die vor dem Feuer vorbeigetragen werden und die Quelle der Schattenbilder sind
Diese 2 Ebenen befinden sich in der dunklen Höhle.

- Die Welt außerhalb der Höhle im hellen Sonnenlicht

Eine Höhle war im antiken Giechenland auch der Eingang zum Hades (der Unterwelt, dem Totenreich).
D.h. das Ganze hat noch tieferen Sinn. Ein Sterblicher gekehrt von dort nicht zurück.

Die Schatten an der Höhlenwand sind unsere Interpretationen der sinnlich wahrgenommenen Objekte.
Z.B. 10 Zeugen beschreiben einen Unfall. Kein Augenzeugenbericht beschreibt den Unfall genau gleich.
Der Verstand sieht was er sehen will - katalogisiert und vergleicht mit schon gemachten Erfahrungen aufgrund des Glaubens an die Sinneswahrnehmungen. Unser Verstand bewegt sich im Vergleich und Katalogisieren in der Vergangenheit und schließt auf die Zukunft. Doch Vergangenheit und Zukunft gibt es nur in unseren Gedanken und Gefühlen. Gedanken und Gefühle sind nur unsere Interpretationen der eigentlichen Ereignisse - so wir sie verstehen. Nur die Gegenwart ist Hier und Jetzt in diesem Augenblick vorhanden.

Die Objekte selbst sind das was mit den Sinnen wahrgenommen wird. Das was im Hier und jetzt im Moment geschieht.

Aber all das ist noch in der Höhle in der dunklen Unterwelt.
Bis hierhin kann auch die Verstandeserkenntnis gelangen.
Die Verstandeserkenntnis richtet sich z.B. auf mathematische Entitäten. Diese gehören bereits zu einem nicht-sinnlichen Bereich des unveränderlichen. Die Verstandeserkenntnis bleibt jedoch der gegenständlichen Voraussetzung verhaftet.
In der Mathematik ist der Betrachtende genötigt, den Gegenstand mit dem Verstand und nicht mit den Sinnen zu betrachten. Aber die Verstandestätigkeit läßt die von der Verstandeserkenntnis vorausgesetzten Hypothesen auf sich beruhen, um sie als Grundlage der Untersuchung zu verwenden. Weil ihre Betrachtungsweise sich auf bloße Voraussetzungen stützt, bringen es die mathematisch Betrachtenden nicht zu rein vernünftiger Einsicht über ihre Gegenstände.

Die reine Vernunfterkenntnis will keine Hilfsmittel aus der sinnlichen Anschauung verwenden, sie muß vom Anfang bis zum Ende mit Hilfe der reinen Idee vor sich gehen. Die Vernunfterkenntnis richtet sich auf die absolute, unveränderliche Idee.
Sie geht von einer gläubigen Voraussetzung aus zu einem auf keiner Voraussetzung mehr beruhenden Anfang und schließt und anstatt mit Hilfe von Bildern nur mit der reinen Idee den Weg ihrer Forschung bewerkstelligt. Dabei gibt sie Hypothese und Voraussetzung nicht als Erstes und Oberstes aus, sondern nur sie als Ausgangspunkt, wie ein Impuls oder die Sprosse einer Leiter zu etwas höher Liegendem erfaßt und damit zu dem auf keiner Voraussetzung mehr beruhenden Ganzen, dem Unbedingten gelangt.

Der Logos des Heraklit vor Platon und Hegels Weltgeist nach Platon sind da ähnlich.


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Tod ist alles, was wir im Wachen sehen, und Schlaf, was im Schlummer.
Der Mensch zündet sich in der Nacht ein Licht an, wann er gestorben ist und doch lebt.
Er berührt den Toten im Schlummer, wann sein Augenlicht erloschen; im Wachen berührt er den Schlummernden.
Alles fließt.
Heraklit - der Dunkle Philosoph
520 - 460 v. Chr.
zuletzt bearbeitet 05.04.2011 15:20 | nach oben springen

#3

RE: Platons Höhlengleichnis

in Der Garten des Geistes 16.04.2011 18:07
von GolemSchattenspieler
| 171 Beiträge

ok also die 1. Linie bzw. Ebene:
- die Schatten und Spiegelbilder (die Vermutung, der Anschein von Wahrheit) = trägt zum größten Teil zur Meinung bei.

Zitat von Golem
Die Schatten an der Höhlenwand sind unsere Interpretationen der sinnlich wahrgenommenen Objekte.
Z.B. 10 Zeugen beschreiben einen Unfall. Kein Augenzeugenbericht beschreibt den Unfall genau gleich.
Der Verstand sieht was er sehen will - katalogisiert und vergleicht mit schon gemachten Erfahrungen aufgrund des Glaubens an die Sinneswahrnehmungen. Unser Verstand bewegt sich im Vergleich und Katalogisieren in der Vergangenheit und schließt auf die Zukunft. Doch Vergangenheit und Zukunft gibt es nur in unseren Gedanken und Gefühlen. Gedanken und Gefühle sind nur unsere Interpretationen der eigentlichen Ereignisse - so wir sie verstehen.


Die Schattenwelt an der Höhlenwand ist eine Interpretation der Wirklichkeit durch unseren Verstand. Durch das Prisma unserer eigenen Erfahrungen und uns prägende Ereignisse ordnet unser Verstand die Ereignisse und Situation in unsere Kategorien ein und interpretiert dadurch die "Wirklichkeit". Unterschiedliche Zeugenaussagen z.B. desselben Unfalls bestätigen dies.
Anders, wenn ein Ereignis das eigene Leben des Einzelnen bedroht. Hier ist unser Verstand, unser Ego und Person nicht beteiligt. Das Ereignis ist viel zu schnell und wir sind ganz Auge, Ohr usw.. Da findet kein Gedanke, Gefühl statt. Das Ereignis nimmt unsere Sinne in ersten Moment im Hier und Jetzt vollständig gefangen. Und doch empfinden, fühlen und denken wir im Hier und Jetzt und handeln intuitiv richtig. Gedanken, Gefühle, Ego, Person und Verstand kommen erst später dazu.
D.h. unsere Person, Ego und Verstand sind nicht wirklich, sondern nur ein Konstrukt von uns selbst.
Einfacher kann man das auch mit einer Mini-Kontemplation erfahren.:
Prüf mal nach ob Du noch atmest.
Indem Moment wo unsere Achtsamkeit im Hier und Jetzt weilt, kann unser Verstand nicht tätig werden, weil wir unsere Achtsamkeit auf das konkrete Ereignis im Hier und Jetzt (Gegenwart = der momentale Augenblick) richten. Der Verstand ist abstrakt und setzt voraus, daß wir unsere Achtsamkeit auf vergangene Erfahrungen und Ereignisse richten oder Pläne für die Zukunft schmieden, also unsere Erwartungen auf Grund unserer Erfahrungen und eingeordneten Ereignisse in unserer Vergangenheit. Wenn wir so in Gedanken sind kann es passieren, daß wir in einen Hundehaufen treten, weil wir nicht auf unseren Weg (konkretes Ereignis in der Gegenwart) geachtet haben, sondern mit der Konstruktion unserer abstrakten Gedanken und Gefühle beschäfigt sind.
Kurz: wir haben unserer Leben auf Autopilot umgeschaltet.
Doch was ist Vergangenheit? Etwas das nicht (mehr) ist! Und die Zukunft? Etwas das (noch) nicht ist! Wir definieren uns als Person, Ego auf Grund von etwas das nicht ist und indentifizieren uns mit Gedanken und Gefühlen, die nicht auf die Gegenwart des Hier und Jetzt gründen, sondern auf etwas das nicht ist. Gegenwart ist der aktive Moment im Leben, das ist - Hier und Jetzt.
Gedanken kommen uns - sind also passiv. Denken dagegen ist aktiv - wir tun es jetzt (Ich denke...). Gefühle bewegen (Emotion) uns. Fühlen dagegen ist aktiv das was wir jetzt fühlen (Ich fühle ...)

Die Schattenwelt an der Höhlenwand ist das Abbild des wackligen Gerüsts unserer Alltagsauffassungen der, von uns so bezeichneten, Wirklichkeit, die im eigentlichen Sinne wahnhaft ist. Und, daß wir fortwährend mit seinem Flicken und Abstützen beschäftigt sind – selbst auf die erhebliche Gefahr hin, Tatsachen verdrehen zu müssen, damit sie unserer Wirklichkeitsauffassung nicht widersprechen, statt umgekehrt unsere Weltschau auf die unleugbaren Tatsachen gründen zu lassen.

Grüsse aus nächtlicher Tiefe
Golem


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Tod ist alles, was wir im Wachen sehen, und Schlaf, was im Schlummer.
Der Mensch zündet sich in der Nacht ein Licht an, wann er gestorben ist und doch lebt.
Er berührt den Toten im Schlummer, wann sein Augenlicht erloschen; im Wachen berührt er den Schlummernden.
Alles fließt.
Heraklit - der Dunkle Philosoph
520 - 460 v. Chr.
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