#1

Herrschaft und Knechtschaft

in Der Garten des Geistes 21.11.2009 16:16
von fredrock • 4.421 Beiträge

Die Dialektik von Herr und Knecht ,eine Philosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels


Ausgangspunkt ist die Vorstellung vom „ersten Menschen“, einem Menschen also, der vor der Geschichte – insbesondere der Zivilisation – lebt, einem Menschen auch ohne soziale Vorgeschichte. Die Überlegungen setzen an dem Punkt ein, an dem der erste Mensch zum ersten Mal auf einen anderen ersten Menschen trifft. Eine solche Situation ist im biologisch-historischen Sinn natürlich nicht möglich. Es handelt sich hier um ein Gedankenexperiment.

In der Vielzahl der Begierden, die sich gegenseitig ausschließen können, kommt der Mensch in Konflikt mit seinen Mitmenschen. Im Kampf um Anerkennung gerät der Unterlegene gegenüber dem Sieger in ein Abhängigkeitsverhältnis, das ihn in die Knechtschaft führt. Durch die Arbeit des Knechts gewinnt der Herr die Freiheit über die Natur. Doch die Arbeit des Knechts bringt eine Steigerung des Denkens, Technik, Wissenschaft und Kunst hervor und einen Fortschritt hin zu einer Idee der Freiheit, die den Knecht auf revolutionäre Art von der Abhängigkeit zu seinem Gebieter befreien kann.

Die Geschichte ist ein Prozess der Arbeit und des Kampfes um Anerkennung, eine Geschichte der Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft, die in eine Synthese von Herrschaft und Knechtschaft mündet.


Kampf um Anerkennung


In dieser Situation treten die beiden ersten Menschen in einen „Kampf auf Leben und Tod um Anerkennung“ ein. Dieser Kampf kann prinzipiell zwar tatsächlich tödlich enden. In diesem Fall jedoch hätte auch der überlebende Sieger keinen Gewinn. Der Kampf um Anerkennung endet in dem Moment, da der damit Unterlegene sich für das Leben und damit ein Leben in Knechtschaft entscheidet. Er erkennt den Sieger als Menschen und Herrn an. Für Hegel ist der Kampf um Anerkennung somit die wesentliche Bedingung für Freiheit. Nur durch die Verachtung des Todes und die Höherbewertung von Anerkennung gewinnt der Herr seine Freiheit. Zugleich macht Hegel deutlich, dass Herr- und Knechtschaft zutiefst interdependent sind. Der Knecht ist zwar Knecht kraft seiner erzwungenen Unterordnung, jedoch ist der Status des Herrn von der Anerkennung seiner Herrschaft durch den Knecht abhängig. Mit dieser unauflöslichen Dialektik hat Hegel auch der modernen Psychologie, Anthropologie und Soziologie ein ungemein starkes Motiv gegeben, geht es hier doch um nicht weniger als das Thema der Macht in sozialen Beziehungen.


Selbstbewusstsein


Hegel misst dem Ausgang des Kampfes eine hohe Bedeutung zu: Er betrachtet ihn als Quelle des Selbstbewusstseins – der Identität. Hierbei ist das Selbstbewusstsein des Knechts jedoch ein anderes als das des Herrn. Hegel unterscheidet beide Arten des Selbstbewusstseins als „Für-sich-sein“ (Herr) und „Für-andere-sein“ (Knecht). Der Herr bezieht sein Selbstbewusstsein aus der Tatsache anerkannt zu werden; dafür, dass er sein Leben riskiert hat. Er arbeitet nicht. Der Knecht jedoch arbeitet für den Herrn. Er bezieht sein Selbstbewusstsein im Laufe der Zeit nicht mehr nur aus der Tatsache für jemand anderen zu sein und zu arbeiten, sondern durch seine Arbeit gelangt er zur Herrschaft über die Natur.


Fortbestehen von Widersprüchen


Gemäß Hegels Dialektik ergibt sich in dieser Situation aus einem Widerspruch die Dynamik für historische Veränderung. Zum einen genügt dem Herrn die Anerkennung durch den Knecht nicht. Er möchte von seinesgleichen anerkannt werden. Die ursprünglich ersehnte Situation der Anerkennung des Herrn durch den Knecht, für die der Herr sein Leben riskierte, erweist sich mit der Zeit als unbefriedigend. Der Herr wird also in weiteren Kämpfen um Anerkennung gegen andere Herren sein Leben riskieren und versuchen diese anderen Herren ebenfalls zu seinen Knechten zu machen. Zum anderen erwächst dem Knecht durch seine Arbeit erlangte Herrschaft über die Natur faktisch eine Macht, die größer ist als die des Herrn und dies bedingt die Möglichkeit zur Revolution. Die zweite Bedingung für eine Revolution ist freilich, dass der Knecht zwar seine Identität aus der Herrschaft über die Natur bezieht, dadurch jedoch nicht völlig zufriedengestellt ist, sondern ein nach Würde und Anerkennung strebendes Wesen bleibt.


Der Begriff der Menschenwürde


Warum der häufig zunächst als abstrakt und im Vergleich zu den elementaren Lebens- und Überlebensnotwendigkeiten weniger wesentlich erscheinende Begriff der Menschenwürde, im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland der erste, oberste und zentrale Grundwert und Wurzel aller Grundwerte ist, kann nur verstanden werden, wenn man Menschenwürde als Wert- und Achtungsanspruch versteht und mit Hegel das Streben nach Anerkennung und Achtung als die Geschichte treibende psychische Instanz schlechthin betrachtet. Wird die Menschenwürde als Wert- und Achtungsanspruch dauerhaft verletzt oder gar abgeschafft, wird ein Kollaps des Gemeinwesens bzw. eine Revolution zumindest wahrscheinlicher, wenn nicht sogar auf lange Sicht eine notwendig eintretendes Ereignis. Dass die Menschenwürde eine so prominente Stellung im deutschen Grundgesetz einnimmt, in anderen europäischen Verfassungen bzw. Staatsgründungsdokumenten zwar auftaucht, jedoch nicht an erster Stelle steht, kann somit als Ausfluss einer unterschiedlichen staatsphilosophischen Tradition, repräsentiert durch Hegel und Hobbes interpretiert werden, die in den zentralen Dokumenten wie Grundgesetz und Unabhängigkeitserklärung trotz der sonstigen weitgehenden Aufhebung der räumlich oder sprachlich bedingten Abgrenzung philosophischer Schulen.


Der unmittelbarste Bezug von Hegels Konzept von Herrschaft und Knechtschaft ergibt sich sicherlich zum mittelalterlichen Feudalsystem und Lehnswesen, aber auch den frühgeschichtlichen und Antiken Weltreichen. Nach Hegel jedoch wurde das Konzept – in erster Linie von Karl Marx und Friedrich Engels – auf das Verhältnis von Unternehmer und abhängigem Arbeiter übertragen und daraus eine historische Notwendigkeit einer Revolution abgeleitet, nach der jegliche gesellschaftlichen Hierarchien abgeschafft sind.


zuletzt bearbeitet 21.11.2009 16:22 | nach oben springen

#2

RE: Herrschaft und Knechtschaft

in Der Garten des Geistes 12.04.2010 20:30
von GolemSchattenspieler
| 171 Beiträge

Das ist eher ein Kampf um eine Machtstellung, um das Alphatier in einer Gruppe zu sein.
Oder um das Interesse möglichst vieler Sexualpartner zu erregen und damit seine Gene weitergeben zu können.
Anerkennung ist nur gegenüber Gleichgstellten möglich.

Aus meinem beruflichen Alltag weis ich, daß jeder Mensch auf Anerkennung aus ist.
Jeder hält sich für den Besten und Klügsten.
Hegel hätte Dale Carnegie' "Wie man Freunde gewinnt" lesen sollen.


__________________
Tod ist alles, was wir im Wachen sehen, und Schlaf, was im Schlummer.
Der Mensch zündet sich in der Nacht ein Licht an, wann er gestorben ist und doch lebt.
Er berührt den Toten im Schlummer, wann sein Augenlicht erloschen; im Wachen berührt er den Schlummernden.
Alles fließt.
Heraklit - der Dunkle Philosoph
520 - 460 v. Chr.
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#3

RE: Herrschaft und Knechtschaft

in Der Garten des Geistes 12.04.2010 21:04
von fredrock • 4.421 Beiträge

Na ganz o einfach scheint es nicht, is ja gerade Interessant die Macht und die Abhängigkeit des Knechtes gegenüber des Herren,, naja diese und andere Spielarten findet man ja nicht ohne Grund überall in unserem Leben, ist Sie ja, nicht sogar eine der stärksten Motoren des selbigen..

Das ganze Leben ist ein ewiger Kampf, mal Blutig und mal weniger.. und wenn man nur mit sich selber ringt..


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#4

RE: Herrschaft und Knechtschaft

in Der Garten des Geistes 13.04.2010 08:50
von Arakielich darf das
| 254 Beiträge

Zitat
In der Vielzahl der Begierden, die sich gegenseitig ausschließen können, kommt der Mensch in Konflikt mit seinen Mitmenschen.



Ist denn bewiesen, daß es tatsächlich so kommen könnte?
Eine spontane Anerkennung der Gleichberechtigung schließt sich automatisch aus?
Warum?


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#5

RE: Herrschaft und Knechtschaft

in Der Garten des Geistes 13.04.2010 20:41
von GolemSchattenspieler
| 171 Beiträge

Zitat
Das ganze Leben ist ein ewiger Kampf, mal Blutig und mal weniger.. und wenn man nur mit sich selber ringt..


Die Lehre des Permanenten Krieges.
Heraklits "Der Krieg ist der Vater aller Dinge".

Manches von Hegel schätze ich sehr. Aber da meine ich geht das eher in Richtung Nietzsches "Wille zur Macht"

Zitat
Eine spontane Anerkennung der Gleichberechtigung schließt sich automatisch aus?


Meiner Erfahrung nach aetzt Anerkennung eine Gleichberechtigung sogar voraus. Selbst als Vorgesetzter muß ich meinen Untergebenen als Mensch mit den gleichen Rechten anerkennen. Ansonsten ist das bloße Unterdrückung und Tyrannei.
Ich Chef - Du nix! Und die reaktionäre Antwort ist ein Lied zu dem ich tanze "Chefes Schädel auf ner Lanze".


__________________
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#6

RE: Herrschaft und Knechtschaft

in Der Garten des Geistes 14.04.2010 06:59
von Arakielich darf das
| 254 Beiträge

Eben drum ja meine Frage, muß es beim ersten Kontakt sofort zu Kampf, Sieg/Niederlage und Unterdrückung kommen?

Wobei, ich bezog mich ja nicht auf "Anerkennung UND Gleichberechtigung" sondern auf "Anerkennung DER Gleichberechtigung".
Das war wohl etwas ungeschickt ausgedrückt, da "Anerkennung" in diesem Zusammenhang ja auch ein Begriff ist, der einen angestrebten Zustand beschreibt.

Ich formuliere mal um in "spontane Möglichkeit der Gleichberechtigung". ich hoffe, das ist weniger missverständlich.
Obwohl...klingen tut es komplizierter...fred


zuletzt bearbeitet 14.04.2010 07:03 | nach oben springen

#7

RE: Herrschaft und Knechtschaft

in Der Garten des Geistes 15.04.2010 01:19
von GolemSchattenspieler
| 171 Beiträge

Ne beim ersten Kontakt muß es nicht zum Kampf usw. kommen.
Aber sobald man sich in eine Gruppe integriert kann es schon dazu kommen.

Zitat
Anerkennung DER Gleichberechtigung


Zitat
spontane Möglichkeit der Gleichberechtigung


Na ohne Gleichberechtigung keine Anerkennung und ohne Anerkennung keine Gleichberechtigung.


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#8

RE: Herrschaft und Knechtschaft

in Der Garten des Geistes 15.04.2010 07:39
von Arakielich darf das
| 254 Beiträge

Zitat von Golem
Na ohne Gleichberechtigung keine Anerkennung und ohne Anerkennung keine Gleichberechtigung.



Wir reden aneinander vorbei. Dein Satz oben ist so völlig richtig.

Ich hatte ganz am Anfang das Wort "Anerkennung" in einem anderen Kontext genutzt und versucht die Verwirrung dadurch zu lösen.
Ist mir aber wohl nicht gelungen.

Du meinst die ganze Zeit "Anerkennung" in Form von Respekt, Akzeptanz.

Ich meinet "Anerkennung" in Form von Erkenntnis, begreifen.

Ich hoffe, es ist jetzt verständlicher.


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#9

RE: Herrschaft und Knechtschaft

in Der Garten des Geistes 17.04.2010 15:06
von GolemSchattenspieler
| 171 Beiträge

Zitat
Ich meinet "Anerkennung" in Form von Erkenntnis, begreifen.


Na so wirklich verstehe ich jetzt nicht was Du meinst.


__________________
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Der Mensch zündet sich in der Nacht ein Licht an, wann er gestorben ist und doch lebt.
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#10

RE: Herrschaft und Knechtschaft

in Der Garten des Geistes 19.04.2010 06:45
von Arakielich darf das
| 254 Beiträge

Ich erkenne etwas (nämlich daß man gleichberechtigt sein sollte). Das Substantiv zu diesem Vorgang des erkennen: Anerkennung (grammatikalisch nicht ganz richtig)
Man kann aber auch ganz andere Dinge erkennen: z.B. ein Marmeladenbrot.
Das wäre dann die Anerkennung des Marmeladenbrotes. Das hat aber überhaupt nichts mit Respekt oder Gleichberechtigung zu tun. Ich erkenne es einfach nur als Marmeladenbrot.


zuletzt bearbeitet 19.04.2010 06:45 | nach oben springen

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